Die Medizin entdeckt zunehmend, wie entscheidend der Blick auf Geschlechtsunterschiede für eine moderne und patientenorientierte Versorgung sein kann. Was lange als Randthema galt, rückt heute stärker in den Fokus und betrifft auch Menschen mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen (CED). Forschungsergebnisse zeigen, dass es nicht nur hinsichtlich des Erkrankungsrisikos, sondern auch darin, wie schnell eine Diagnose gestellt wird, wie die Krankheit verläuft und wie gut Therapien anschlagen, Unterschiede zwischen Männern und Frauen geben kann. Trotz dieser wachsenden Evidenz spielt geschlechtssensible Medizin im klinischen Alltag bislang kaum eine Rolle.
In vielen versorgungsrelevanten medizinischen Bereichen wurde bereits gezeigt, dass sich Frauen von Männern unterscheiden. Besonders in der Kardiologie hat dieses Thema bereits Aufmerksamkeit erhalten.(3) Auch im Bereich der CED zeigen sich deutliche geschlechtsspezifische Unterschiede. Diese können das Erkrankungsrisiko, die Zeit bis zur Diagnose, den Verlauf, Begleiterkrankungen und die Therapie betreffen.(1,2) Als mögliche biologische Ursachen für diese Unterschiede werden mehrere Mechanismen diskutiert: Epigenetische Prozesse wie DNA-Methylierung oder X-Chromosom-Inaktivierung, hormonelle Einflüsse, unterschiedliche Wirkungen von Östrogenrezeptoren sowie geschlechtsspezifische Unterschiede im Darmmikrobiom. Letzteres wird auch als „Mikrogenderom“ bezeichnet und könnte sowohl lokale Entzündungsreaktionen als auch die systemische Immunantwort beeinflussen.(1)
Umkehr der Geschlechterverhältnisse im Lebensverlauf
Die Unterschiede zeigen sich bereits beim Erkrankungsrisiko. Jungen erkranken häufiger an Morbus Crohn (MC) als Mädchen. Ab der Pubertät kehrt sich dieses Verhältnis um, im Erwachsenenalter sind Frauen häufiger betroffen.1 Eine Studie mit 190 Patienten ergab, dass Frauen häufiger Fehldiagnosen erhalten, etwa eine falsche Zuordnung zu MC oder Colitis ulcerosa (CU). Dabei war die Zeit zwischen den ersten Symptomen und dem Arztbesuch bei beiden Geschlechtern gleich.(2)
Krankheitsverlauf und Komorbiditäten zeigen deutliche Unterschiede
Auch der Krankheitsverlauf unterscheidet sich zwischen Männern und Frauen. Eine große spanische Kohortenstudie mit über 50 000 CED-Betroffenen zeigte, dass Männer bei MC häufiger komplizierte Verläufe entwickeln, während Frauen sowohl bei MC als auch bei CU häufiger extraintestinale Manifestationen aufweisen.(4) Die Komorbiditäten unterscheiden sich ebenfalls deutlich. Bei männlichen CED-Patienten treten häufiger eine primär sklerosierende Cholangitis, eine ankylosierende Spondylitis, eine Urolithiasis sowie maligne Neoplasien auf. Bei weiblichen CED-Patientinnen werden dagegen vermehrt Parodontitis, Anämien, kardiovaskuläre Erkrankungen, Mangelernährung und Mundhöhlenkarzinome beobachtet.(1)
Geschlechtsspezifische Therapieunterschiede
Auch in der Therapie zeigen sich Unterschiede: Eine Untersuchung aus dem Jahr 2011 ergab, dass Frauen seltener Immunsuppressiva erhalten und eine höhere Krankheitsaktivität aufweisen.(5) Weitere Studien deuten darauf hin, dass Männer mehr Biologika erhalten, während Frauen öfter ileozökale Resektionen durchlaufen.(6) Frauen entwickeln unter medikamentöser Therapie häufiger unerwünschte Wirkungen. Ob dies auf pharmakokinetische Unterschiede wie Verteilungsvolumen oder Eliminationsraten zurückzuführen ist, ist bislang ungeklärt.(7)
Kinderwunsch und Schwangerschaft oft mit Ängsten behaftet
Ein weiterer wichtiger Bereich betrifft die Familienplanung. Menschen mit CED bekommen insgesamt weniger Kinder als die Allgemeinbevölkerung. Dies liegt jedoch weniger an einer eingeschränkten Fruchtbarkeit als an Ängsten und Unsicherheiten – etwa vor einer möglichen Vererbung der Erkrankung6 oder vor Komplikationen während der Schwangerschaft. Bei Frauen spielt zusätzlich die Sorge vor Auswirkungen der medikamentösen Therapie eine Rolle.(8) Für die betreuenden ÄrztInnen bietet die ECCO-Leitlinie umfassende Empfehlungen zu Sexualität, Fertilität, Schwangerschaft und Stillzeit.(8)
Interdisziplinäre Zusammenarbeit als Schlüssel für eine gendergerechte Versorgung
Für eine gendergerechte Versorgung müssen verschiedene Fachrichtungen – darunter Gastroenterologie, Gynäkologie, hausärztliche Versorgung und weitere Disziplinen – eng zusammenarbeiten. Wichtige Einflussfaktoren von Patientenseite sind dabei Hormonstatus, Lebensstil, soziales Umfeld, psychische Gesundheit, Komorbiditäten, extraintestinale Manifestationen und das individuelle Therapieansprechen.
Fazit
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Frauen und Männer sich in vielen Aspekten chronisch entzündlicher Darmerkrankungen unterscheiden. Dies betrifft das Erkrankungsrisiko ebenso wie den Krankheitsverlauf, die Komorbiditäten und die Therapie. Die Unterschiede sind biologisch, hormonell und mikrobiombedingt und machen eine differenzierte Betrachtung in Diagnostik und Behandlung notwendig. Hierdurch könnte langfristig eine personalisierte Medizin für betroffene Frauen und Männer erreicht werden.
EXA/DE/ENTY/2019
Quellen
1 Goodman WA et al. Sex matters: impact on pathogenesis, presentation and treatment of inflammatory bowel disease. Nat Rev Gastroenterol Hepatol 2020; 17 (12): 740–754.
2 Sempere L et al. Gender biases and diagnostic delay in inflammatory bowel disease: multicenter observational study. Inflamm Bowel Dis 2023; 29 (12): 1886–1894.
3 Regitz-Zagrosek V. Wie Frauen sich „kardial“ unterscheiden. Dt Ärzteblatt 2015; 112 (12): 14-17.
4 Gargallo-Puyuelo CJ et al. Sex-related differences in the phenotype and course of inflammatory bowel disease: SEXEII study of ENEIDA. Clin Gastroenterol Hepatol 2024; 22 (11): 2280–2290.
5 Blumenstein I et al. Female patients suffering from inflammatory bowel diseases are treated less frequently with immunosuppressive medication and have a higher disease activity. J Crohns Colitis 2011; 5 (3): 203–210.
6 Blumenstein I et al. Geschlechtsspezifische Unterschiede bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen. Gastroenterologe 2019; 14: 102–107.
7 Keiner D. Perspektiven der Onkologie. Dt Ärzteblatt 2017; 1: 4–9.
8 Torres J et al. European Crohn’s and colitis guidelines on sexuality, fertility, pregnancy, and lactation. J Crohns Colitis 2023; 17 (1): 1–27.
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